Ben Wilder ⎮ Tagebuch

Willkommen im Hamsterrad

TAGEbuch

Vor ungefähr 2 Jahren führte ich ein langes Gespräch mit meinem Geschäftspartner. Wir wollten eigentlich neben den Kundengesprächen unsere Seite mit Content befüllen. Jedoch stellten wir fest, dass wir im Hamsterrad feststeckten. Zum Schreiben des Contents fehlte uns schlicht und ergreifend: die Zeit.

Somit fassten wir einen Entschluss: Wir müssen raus aus dem Hamsterrad!

Kurzweilig funktionierte das sogar. Allerdings lag es trügerischer Weise an der Jahreszeit. Es war April 2017 und immer, wenn die ersten zwei richtig schönen Wochen im Jahr sind, fallen plötzlich die Termine aus. Kunden sagen aus fadenscheinigen Gründen ab. 

Beliebte ausreden:

  1. Ich muss für einen Kollegen einspringen, der krank geworden ist
  2. Wir haben eine Schulkonferenz
  3. Die Oma ist gestorben
  4. Ich muss mit dem Hund zum Tierarzt

Natürlich war uns klar, dass es Ausreden waren, aber es störte uns nicht. Ich meine, draußen schien die Sonne und wir hatten selbst auch keine Lust, Kunden zu beraten. Unser Plan ging somit auf. Wir hatten Zeit für Content. Jeder für sich schnappten wir uns unsere Laptops, setzten uns in ein schönes Café oder auf eine Bank im Park und schrieben Content. Ich fand sogar die Zeit, eine geordnete To-Do-Liste zu schreiben. Nein, zwei sogar. Eine berufliche und eine private To-Do-Liste. Nach zwei Wochen war es dann aber auch schon wieder vorbei mit der Ruhe. Die Kunden hatten genug Sonne getankt, in den sozialen Medien ging bereits das erste Gemächer los: zu heiß, zu hell, wann regnet es endlich mal wieder. Zusätzliche zeigte unser Content bereits Wirkung und mehr Kunden als zuvor trugen sich über unsere Webseite bei uns ein und wollten von uns beraten werden. Nicht falsch verstehen, ich jammere nun auf hohem Niveau, das ist mir klar. Den meisten „Kollegen“ in meiner Branche geht es genau andersherum. Sie haben keine Termine. Wissen nicht, wem sie noch etwas aufschwatzen können.

Vor einem Monat ist mir wieder aufgefallen, wie sehr wir erneut im Hamsterrad feststecken. Ein gutes Indiz ist übrigens mein Lusttagebuch. Die letzte erotische Geschichte habe ich vor knapp einem Jahr geschrieben.

Und ja, es fehlt mir. Ich liebe das Schreiben. Das Schreiben gehört zu den Dingen, die mich erfüllen. Die mich glücklich machen. Dann habe ich mir meine private To-Do-Liste geschnappt und festgestellt, dass ich hier seit knapp zwei Jahren weder etwas eingetragen, noch etwas streichen konnte. Und als wenn das nicht genug wäre, habe ich an mir heruntergeschaut und festgestellt, dass der Bauch immer noch stört. Dabei wollte ich schon lange an diesem arbeiten und abspecken. Aber zum Abspecken gehört auch Zeit dazu. Zeit, um gut und gesund einzukaufen. Zeit, um gesund zu kochen. Zeit, um sich ausreichend zu bewegen. 

Ich nahm mir einen Block und schrieb meinen täglichen Tagesablauf nieder:

  1. 6:15 Uhr – aufstehen
  2. 6:30 Uhr – Kinder wecken
  3. 6:45 Uhr – das Frühstück für die Kids fertig machen
  4. 7:00 Uhr – Kaffee machen
  5. 7:20 Uhr – Kindern einen Kuss geben und zur Schule schicken
  6. 7:30 Uhr – ein paar Minuten bei Twitter und Tumblr stöbern. Meinen Twitter-Buddies einen schönen Tag wünschen. Ein paar erotische Gedanken genießen.
  7. 8:00 Uhr – anfangen zu arbeiten und bis 20:00 Uhr – oder länger – durchziehen. Beratung in Endlosschleife. Anrufen, auflegen, den nächsten anrufen. Dazwischen etliche Kunden-E-Mails beantworten. Eventuell, wenn die Zeit mal reicht, schnell einen neuen Kaffee holen und weitermachen. Zwischendurch rufen auch mal Kollegen an und bitten um Hilfe, oder mein Geschäftspartner hat irgendwas ausgeheckt und ich soll mal grade mit anpacken und irgendwas fertig machen. 
  8. 20:00 Uhr – Essen für die Kids kochen. Zusammen essen. Fragen wie der Tag war. 
  9. 22:00 Uhr – Kinder ins Bett schicken und da ich dann auch ziemlich groggy bin, ab auf die Couch. 
  10. 22:05 Uhr – mir fallen die Augen zu. Entweder schlafe ich auf der Couch ein oder schleppe meinen Kadaver ins Bett. 

Könnt ihr euch denken, welche Frage ich mir gestellt habe, nachdem ich meinen Tagesablauf aufgeschrieben hatte?

  1. Wo zur Hölle bleibe ich eigentlich?
  2. Wie lange soll das noch so weitergehen? Bis ich irgendwann tot umfalle? Bis ich irgendwann körperlich nicht mehr kann?
  3. Was ist mit meinen Wünschen?
  4. Was ist mit meinen privaten Zielen?

Übrigens sehen meine Wochenenden in der Regel nicht anders aus. Entweder habe ich meine Kids, oder sie sind trotzdem fremdbestimmt von anderen. Klar wurde mir das, als ich vorletztes Wochenende eigentlich etwas mit jemandem machen wollte, der allerdings kurzfristig abgesagt hat und ich dann zum ersten Mal seit eben knapp zwei Jahren nichts auf meiner Agenda stehen hatte. 

Meine Wohnung sah aus wie sau. Kein Wunder, wenn ich um 22:00 Uhr fertig war, hatte ich auch keine Lust mehr zu putzen, saugen, wischen und die Bude zum Blitzen zu bringen. Ich habe es, wie vieles andere – ja, zum Beispiel auch das Abnehmen – immer wieder alles auf morgen verschoben. 

Ich kümmerte mich also zuerst um meine Wohnung. Es kostete mich sieben Stunden, aber dann sah sie wieder so aus, dass ich meine Mom problemlos hereinlassen könnte, wenn sie mich denn mal besuchen würde. Sie würde zwar gerne, aber sie kann gesundheitlich eben nicht mehr so, wie sich möchte.

Nun blinkte und blitzte meine Wohnung und ich hatte genug Zeit – und soll ich euch etwas verraten? Ich kam gar nicht darauf klar! Plötzlich saß ich auf der Couch, dachte:

„Jetzt könntest du etwas machen, aber was?“

Ich meine es ernst. Mir ist nichts eingefallen. Ich hatte die letzten Jahre so viel um die Ohren, dass ich verlernt habe, etwas zu unternehmen. Ich habe einfach nur noch (für andere) funktioniert und bin selbst auf der Strecke geblieben…

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3 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Extrem Unlimited
19. März 2019 12:49

Ich kann das so nachvollziehen. Mir ging es vor einem Jahr nicht anders. Ich muss aber sagen das ich keine Kinder habe und es in meinen Fall etwas leichter war wieder mehr auf mich und meine Bedürfnisse zu achten. Ich nehme mir pro Tag (egal wann) eine Stunde Zeit für MICH. DAS war zwar zur Beginn auch mit acguldgefühlen verbunden, aber jetzt ist es zur Selbstverständlichkeit geworden (auch für mein Umfeld). Vielleicht klappt es bei dir ja auch. Alles liebe

Antworten

    Vielen Dank!

    Ich bin ja schon auf einem sehr guten Weg und hab schon viel gemacht, um aus dem Hamsterrad herauszukommen. Muss das nur noch aufschreiben. Evtl. hilft es ja auch anderen weiter, die in einer ähnlichen Situation feststecken. Zumindest kann ich mir das bei vielen Menschen gut vorstellen, dass sie in ähnlichen Situationen stecken. Alleinerziehende, aber auch Menschen in Beziehungen, die sich tagsüber in der Firma abschuften und dann, wenn sie nach Hause kommen, die Familie schon am Hosenbein zuppelt und Zeit abhaben möchte.

    Zeit für sich selbst zu finden, ist gar nicht so einfach und vermutlich eine große Herausforderung für viele…

    Ja, ihr habt richtig gelesen. Ihr müsst euch keine Sorgen machen. Für mich habe ich die Lösung bereits gefunden und vermutlich – wenn ihr euch bis morgen gedulden könnt – werde ich euch von meiner Lösung berichten.

    Liebe Grüße,
    Ben

    Antworten
Mrs.Sunshine
20. März 2019 00:30

Es freut mich sehr zu lesen, das du für dich die Lösung gefunden hast. Ich hoffe sehr das alles so klappt wie du es vor hast.
Du musst halt auch wirklich an dich denken
LG
S

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