WIE DER BISS EINER SCHLANGE

Und noch ein ernster Eintrag in meinem Tagebuch. Mir ist aufgefallen, dass es etwas gibt, dass mich gewaltig stört und ich glaube, vielen Menschen ist gar nicht bewusst, was sie damit anrichten. Traurig, genau die Menschen, die diese schlimmen Dinge immer wieder tun, werden meinen Blogeintrag, meinen Tagebucheintrag, niemals lesen. Sie beschäftigen sich nämlich nicht damit, wie es anderen Menschen geht. Sie fragen sich nicht, was ihre Worte bewirken. Sie sind dumm. Sie sind egoistisch. Selbstverliebt. Selbstverherrlichend. Narzisstisch. Wovon redet dieser Ben Wilder bitte gerade?, fragst du dich jetzt bestimmt.

Es geht darum, wie wir mit Menschen umgehen. Sie quälen. Ihr Selbstbewusstsein zerstören. Ihr Selbstwertgefühl vernichten. Sie krank machen. Das Schlimme ist, sie glauben oft sogar, dass sie uns mit ihren Worten einen Gefallen tun, etwas Gutes tun. Familienmitglieder, Freunde, Arbeitskollegen und häufig sogar der eigene Partner.

Bei Fremden ist es anders. Da gibt es zwei Arten von Menschen. Die einen lästern einfach und glauben, dass wir es nicht mitbekommen. Da unterstelle ich nicht einmal echte Boshaftigkeit. Richtig schlimm finde ich diejenigen, die es sogar mit purer Absicht machen. Die es vollkommen bewusst so machen, dass wir es mitbekommen. Solche Menschen hasse ich wirklich. Die gehören für mich in die gleiche Schublade, wie Mörder oder Vergewaltiger. Das Einzige, was diese Menschen von echten Mördern oder Vergewaltigern unterscheidet ist die Tatsache, dass sie uns nicht körperlich vergewaltigen, sondern seelisch. Sie ermorden und nicht mit einer echten Pistole, sondern mit Worten. Ihr wisst noch immer nicht wovon ich rede? Ich werde für euch konkreter.

Ihr, die meinem Lusttagebuch schon länger folgt und meine Beiträge lest, ihr wisst, dass ich nicht der Schlankste bin. Ich habe keinen tollen Body wie Christian Grey. Ich habe kein Sixpack. Nein, ich habe einen richtigen Waschbärbauch. Zwar nicht seit Geburt an. Als Kind war ich sogar richtig dünn. Da haben meine Eltern mit mir gestritten und mir ständig in den Ohren gelegen mit, »Kind, du musst mehr Essen. Du bist viel zu dürr!« Dann habe ich mir irgendwann einen Bänderriss zugezogen. Ich wurde operiert und lag 3Wochen im Krankenhaus und musste insgesamt für 6 Wochen einen Gips tragen. In diesen 6 Wochen haben mir Eltern, Großeltern, Geschwister und Freunde ganz viele Süßigkeiten mitgebracht und ich hatte schnell die ersten Kilos drauf. Freunde hatten in der kurzen Zeit neue Cliquen gebildet und mir fiel es schwer dort wieder richtig reinzukommen. Außerdem kamen PC’s in Mode und viele meiner Freunde mutierten zu Zockern. Sie saßen nur noch in der Bude herum, anstatt draußen zu toben und sich zu bewegen. Bei mir hat es dazu geführt, dass ich viel allein zuhause gesessen habe. Ferngesehen habe. Süßigkeiten gefuttert habe. Meine Mom hat ziemlich kalorienreich gekocht. Alles wurde paniert. Meist gab es leckere Bratkartoffeln dazu und Gemüse, Gemüse mochte ich nur, wenn es mit Sahnesauce übergossen wurde. Ich musste nicht einmal darum bitten, es entsprach auch so der Kochart meiner Mom.

Nach einem Jahr hatte es richtig gut gewirkt. Ich bin zum Moppelchen mutiert. Ich war der letzte in der Schule, der in eine Sportmannschaft gewählt wurde. Komisch, wo ich schlank war, war ich immer einer der Ersten. Ich wurde gehänselt. Klar, einige haben mich ausgelacht. Aber, im Vergleich was heutzutage an Schulen abgeht und dann über Facebook und Co verbreitet wird, war es bei mir sogar noch harmlos. Aber, Kinder waren schon früher gemein.

Zuhause hat es dann angefangen, dass mir Eltern, Großeltern und Geschwister immer wieder eingeredet haben, »Junge, du bist zu dick. Du musst abnehmen.« Meist folgte dann im Nachsatz aber auch schon, »Essen ist übrigens fertig. Gibt Schnitzel mit Bratkartoffeln, Blumenkohl mit Sahnesauce und Nachtisch gibt es auch. Lecker Schokopudding mit Vanillesauce.«

Irgendwann kam ich dann in die Pubertät. Meine Freunde hatten die ersten Freundinnen. Die ersten Küsse. Das erste Mal. Und ich, ich war immer der Kumpeltyp. Der ich-wünschte-mein-Freund-wäre-so-lieb-und-einfühlsam-wie-du-Typ. Ficken lassen haben sie sich jedoch vom ich-bin-zwar-ein-Arschloch-und-ich-behandle-dich-wie-Dreck-ich-habe-aber-einen-geilen-Body-Tpen.

Ich habe also mit Sport angefangen. Exzessives Inline-Skaten und danach auch Kickboxen. Es wirkte schnell und schon ganz gut. Es ging aber alles noch ein bisschen schneller, als ich angefangen habe, nach dem Essen kurz auf die Toilette zu gehen. Krass, wenn ich heute so drüber nachdenke. Meine Eltern waren nur einen Raum von mir entfernt und haben trotzdem nicht mitbekommen, dass ich mir nach dem Essen den Finger in den Hals gesteckt habe. Erschreckend eigentlich. Nach 6 Monaten hatte ich es geschafft und durch Sport und Essenrückgabe hatte ich auch wieder einen tollen Body. Den hatte ich dann auch ein paar Jahre. Dann kam Abistress. Anschließend die Ausbildung. Eine Frau. Ich kam nicht mehr zum Sport und nahm wieder zu. Die Frau ließ mich spüren, dass ich ihr nicht mehr gefalle. Sie sagte zwar nichts, aber sie zeigte es mir auf die Art und Weise, wie es leider viele Frauen und Männer tun. Auf eine Weise, die den anderen krank und kaputt macht.

Dann habe ich mich getrennt. Habe darauf irgendwann, nachdem ich mich erholt hatte, wieder angefangen Sport zu machen und sage und schreibe 45 Kilo abgenommen. Es fehlten zwar noch ein paar Kilo zum Wunsch-Gewicht, aber ich habe mich schon ziemlich wohl in meiner Haut gefühlt.

Zwei Jahre konnte ich mein Gewicht auch gut halten. Dann habe ich mich selbständig gemacht und saß jeden Tag 12-16 Stunden vorm PC. Zeit für Sport, Fehlanzeige. Zeit um sich wirklich auf die Ernährung zu konzentrieren und sich gesund zu ernähren Fehlanzeige. Meist habe ich den ganzen Tag gar nichts gegessen. Mich hauptsächlich durch schwarzen Kaffee ohne Milch und ohne Zucker ernährt. Abends dann mal eine Portion Spaghetti Bolognese, ein Schlemmerfilet oder eine Fertig-Pizza. Kalorientechnisch meist weniger als 1.200 Kalorien. Die meisten Menschen würden hier eher abnehmen. Bei mir bewirken Stress und zu wenig essen aber das genaue Gegenteil. Nach 7 Jahren habe ich die 45 Kilo wieder drauf.

Und wieder höre ich, wenn ich meine Eltern besuche, »Schatz, du hast ganz schön zugenommen. Du musst dringend abnehmen!«

Treffe ich Freunde, sagen diese, »Du bist aber wieder ganz schön fett geworden. Du musst dringend wieder abnehmen!«

Noch schlimmer, wenn ich dann höre, »Du, ich habe letztens die Julia getroffen. Die hat ganz schön über dein Gewicht gelästert und sich ziemlich auf deine Kosten amüsiert…« Dann denkst du nach. Denkst, dass du eigentlich geglaubt hast, dass die Julia eine echte Freundin ist und findest es scheiße, dass sie hinter deinem Rücken über dich gelästert hat und nicht den Arsch in der Hose hatte, es dir ins Gesicht zu sagen. Das fühlt sich zwar auch nicht schön an, aber es ist zumindest ehrlich.

Ganz ehrlich, in solchen Momenten fühlt es sich an, als würde jemand eine Waffe auf dich richten. Es fühlt sich so richtig scheiße an. Eine Waffe tötet jedoch schnell. Diese Worte jedoch, die wirken schleichend. Wie das Gift einer Schlange. Sie vergiften deine Seele. Stück für Stück stirbt dein Selbstbewusstsein ab. Es verfärbt deine bunte Seele zuerst schwarz und dann stirbt sie. Du. Langsam. Schleichend. Dahinsiechend.

Es ist ja nicht so, dass sie unrecht haben. Ob ihr es glaubt oder nicht, wir ›dicken‹ haben auch Spiegel. Ich habe sogar einen Spiegel im Schlafzimmer und einen im Badezimmer. Ich sehe selbst, dass ich wieder ganz schön zugelegt habe. Und ich schaue nicht in den Spiegel und denke, »Wahnsinn, dieses Doppelkinn. Einfach der Hammer!«, oder, »Wundervoll. Dieser Schwabbelbauch. Oh, ich bin einfach das geilste Stück Fleisch unter der Sonne. Am liebsten würde ich mich den ganzen Tag lang vorm Spiegel selber ficken und mir dabei zusehen!«

Also, warum sagt ihr uns das immer wieder? Wir wissen es doch selbst! Wir brauchen euch nicht dafür zu erkennen, dass wir zu dick sind. Zu dünn sind. Zu groß sind. Zu klein sind. Ein Nase wie ein Hühnerhabicht haben. Schlauchtitten. Hängebusen. Schamlippen die aussehen wie Rouladenfleisch vom Vortag.

(Übrigens: es tut vielleicht nichts zur Sache, aber ich persönlich mag es, wenn die inneren Schamlippen größer und länger sind als die äußeren. Ich finde das sehr sexy und weiblich und wunderschön!)

Jeder von uns hat sicherlich irgendetwas, was uns an uns nicht gefällt. Was wir uns anders wünschen würden. Warum zum Teufel haben die Menschen nichts anderes zum tun, als uns immer und immer wieder damit zu konfrontieren? Macht das irgendetwas besser? Hilft uns das? Warum setzt sich nicht einfach jeder mit sich selbst auseinander. Mit seinem eigenen persönlichen scheiß Problem? Also, noch einmal die Frage: Macht ihr irgendetwas besser, wenn ihr andere Menschen immer wieder mit deren Schwächen konfrontiert?

Nein, ganz im Gegenteil. Ihr suggeriert uns damit nur, dass irgendetwas an uns nicht gut ist. Nicht gut genug. Das wir schlecht sind. Nicht dem Ideal entsprechen. Aber wer tut das Bitteschön schon? Guckt euch mal eine Pamela Anderson an, die als C.J. Parker in Baywatch Männer verrückt gemacht hat. Ich möchte nicht wissen, wie viele Packungen Taschentücher wegen ihr draufgegangen sind. Und nicht, weil es uns in der Nase gejuckt hat, sondern eher zu einem Jucken in der Leistengegend geführt hat. Wenn die ungeschminkt ist oder bzw. zu Baywatch-Zeiten war, ich sage euch, viele unserer »normalen« Frauen sehen ungeschminkt tausendmal hübscher aus.

Und was bedeutet dieses »hübsch« sein eigentlich? Nicht falsch verstehen, ich finde es toll, wenn jemand so diszipliniert ist, dass er jeden Tag ins Fitnessstudio rennt und an seinem Body feilt. Ich wünschte, ich könnte das auch. Ja, ich weiß, jeder kann das, wenn man seine Prioritäten dermaßen setzt. Meine Prioritäten sind derzeit beruflich und privat anders aufgestellt. Zwar feile ich daran, bald mehr Zeit zu haben und dann auch wieder Zeit für einen Sport zu haben. Aktuell ist es mir aber einfach nicht möglich. Wir kennen sicherlich alle dieses Dilemma, dass ein Tag nur 24 Stunden hat und wir auch noch schlafen müssen. Irgendwann. Irgendwie.

Beim dick sein geht es sogar noch. Wir können daran etwas ändern, wenn wir es doll genug wollen. Aber jemand, der in der Gen-Lotterie nicht so viel Glück hat und ein hässliches Gesicht gewonnen hat, der kann daran mal nicht mal eben etwas ändern. Und, er oder sie sollte es auch nicht. Wir können nicht alle aussehen wie ein Victoria’s Secret Model.

Außerdem kommt es darauf auch gar nicht an. Viele wissen es zwar nicht, aber es sind nicht unsere wohlgeformten Moleküle die uns anziehend machen. Es ist unsere Ausstrahlung. Du kannst noch so hübsch sein, wenn du einer dieser Menschen bist, die überall nur Probleme sehen. Bei denen die Welt immer düster und schwarz ist, dann kannst du noch so toll aussehen. Du wirst nie glücklich werden. Du liebst die Welt nicht. Siehst alles negativ. Magst dich nicht. Und somit ist es auch kein Wunder, dass dich niemand mag.

Es sind die Menschen, die sich wohlfühlen. Die positiv denken. Die mit einem Lächeln einen Raum betreten und diesen mit ihrem Lächeln und ihrer Ausstrahlung erhellen. Das sind die Menschen, wo wir denken: Wahnsinn, die sieht glücklich aus und ich will ein Stück von ihrem Glück! Und dann ist es scheißegal, ob der Mann oder die Frau 60kg, 80kg oder 120kg wiegt. Es ist egal, ob sie rote Haare, blonde Haare, schwarze Haare hat. Es ist egal, ob sie bis zur letzten Faser ihres Körpers durchtrainiert ist oder ein Genussmensch. Es ist auch egal, ob sie irgendwelchen Schönheitsidealen entspricht. Ich persönlich finde es sogar toll, wenn das nicht der Fall ist. Ich mag Schönheitsfehler. Makel. Auffälligkeiten. Das unterscheidet sie von anderen und ich finde es geil, wenn jemand anders ist als die Anderen.

Ich mag es, wenn jemand Persönlichkeit hat. Eine Persönlichkeit ist. Tätowiert. Gepierct. Vollkommen duschgeknallt. Hauptsache sie ist gut drauf und fühlt sich wohl. Und das ist es, was wir verstehen müssen. Wir müssen dafür Sorgen, dass sich Menschen wohlfühlen! Wir müssen ihnen nicht ständig erzählen, was bei ihnen nicht toll ist. Wir müssen ihnen erzählen, was wir an ihnen toll finden!

Es ist Fakt: Wir glauben alles, wenn man es nur oft genug wiederholt. Es oft genug eingeimpft kriegt.

Wie soll sich jemand wohl in seiner Haut fühlen, wenn er ständig hört: Du bist zu dick! Du hast eine krumme Nase! Du hast komische Proportionen! Du hast zu kleine Brüste! Du hast einen zu dicken Hintern! Deine Schamlippen sehen aber komisch aus! Du hast aber hässliche Frodo-Füße!

Wenn ihnen das immer und immer wieder eingetrichtert wird glauben sie es. Häufig fangen sie irgendwann sogar an, sich zu Hause zu verstecken. Einzumauern. Manchmal bringen sie sich sogar um. Leute, sowas ist auch Mobbing. Bei manchen absichtlich. Die tun das wirklich um Leute zu verletzen. Bei manchen unabsichtlich, weil sie sogar meinen, sie helfen der Person dadurch.

Es hilft nicht! Die Menschen sitzen danach nur niedergeschlagen da. Und machen sich selbst noch kleiner.

Mir fällt da mein bester Freund ein. Der hat mal aus Unachtsamkeit einen Spruch rausgelassen. Er hat einfach nicht nachgedacht. Er war mit seiner Frau im Urlaub. Sie saßen am Meer. Haben die Sonne genossen und gebadet und dann kamen sie wieder. Und während wir dann in geselliger Runde zusammensitzen und einer fragt, »Wie war es denn im Urlaub?«, fängt er zu erzählen an.

»Eigentlich ganz schön. Nur am Strand, da war es nicht so toll. Ihr glaubt nicht, wie viel Fette dort herumgelaufen sind. Sowas willst du halt nicht sehen. Du willst tolle Körper sehen. Du siehst ja auch tolles Meer. Tolles Wetter. Und dann geht vor dir so eine Dampfwalze und die Bilder brennen sich in deinen Kopf. Ganz ehrlich. Abends wollte ich mit meiner Frau schlafen. Ging aber nicht. In meinem Kopf war immer noch das Bild von der Schwabbligen. Ich fand das so widerlich. Ich hab echt keinen mehr hochbekommen. Ganz ehrlich. Die sollen ja auch Urlaub machen. Die haben auch Sonne verdient und Strand und Meer, aber warum macht man für die nicht einfach einen Fetten-Strand? Einen für schöne Menschen und einen für hässliche Menschen?«

Ich habe es einen Moment sacken lassen, dann habe ich laut ausgeatmet, ihn angesehen und gesagt, »Wir wollten ja eigentlich zusammen in den Urlaub. Ging bei mir ja aus beruflichen Gründen nicht. Aber, wenn ich das jetzt höre, bin ich froh, dass ich nicht mitgeflogen bin. Dann wäre ich ja schuld, dass du den ganzen Urlaub über nicht mit deiner Frau hättest schlafen können. Weil, du hättest wegen mir dann ja auch keinen mehr hochbekommen. Denn, wie du weißt, ich bin auch dick!«

Da schluckte er und in diesem Moment wurde ihm erst bewusst, was er überhaupt gesagt hat. Er sah mich an und versuchte die Situation zu retten. »Ben, du bist mein Freund. Das ist etwas anderes. Die bist ja ein toller Mensch. Bei dir stört es mich nicht!«

Fuck off!

Ganz ehrlich, ich würde es toll finden, wenn es Strände für dicke gäbe. Meinetwegen ein Gemeinschaftsstrand für: Dicke, Dürre, Farbige, Behinderte, Homosexuelle und sonstige Menschen, die dem Ideal nicht entsprechen. Denn wir haben alle eines gemeinsam. Wir sind Geächtete der Gesellschaft und wir wünschen uns alle das Gleiche: Wir wünschen uns eine tolerante Welt. Wo wir so akzeptiert werden wie wir sind.

Und kein Scherz, als ich 2008 mit meiner damaligen Freundin im Urlaub war, da sind wir absichtlich immer an den Schwulen- und Lesben-Strand gegangen. Zumindest ab dem zweiten Tag. Am ersten Tag sind wir an den Normalo-Strand gegangen und ich habe die Blicke der Leute gespürt, die mich abwertend angesehen haben. Ich habe ihre Kommentare gehört. Ihre, »Guck mal da den dicken. Ekelhaft, oder? Sowas sollte hier verboten werden!« Ja, ich habe sie gehört. Sie haben nicht einmal versucht leise zu sprechen. Ich sollte es auch hören und mich nie wieder dorthin trauen. Und ab dem zweiten Tag, hab ich mich wohlgefühlt. Am Schwulen- und Lesben-Strand war alles schön. Jeder wollte nur sein dürfen, wie er ist. Keiner hat mich blöd angeschaut. Keiner hat blöde Sprüche abgelassen. Im Gegenteil. Wir haben uns gut mit vielen Paaren unterhalten. Mit hetero und homosexuellen Paaren. Es waren nämlich viele »normale« Paare dort. Paare, die nicht bloß auf Oberflächlichkeiten achteten.

Ich frage mich nur, wenn es diese Strände gäbe für »schöne« und für »hässliche« Menschen. Wer müsste dann wohin? Welche Schönheit zählt. Die des Herzens? Die unserer Seele? Oder die unserer Moleküle? Denn oft sind es die körperlich super hübschen Menschen, die in Wirklichkeit ein ziemlich hässliches Herz haben. Die Menschen einfach nur nach ihrer Optik beurteilen und nicht nach ihren inneren Werten.

Es ist eigentlich schade, dass der Körper nicht dem Herzen folgt. Denn, dann würde man Menschen mit einem schlechten Herzen sofort an ihrer äußerlichen Schönheit erkennen. Ich denke, dass würde die Welt viel gerechter machen und so manche Frau und so mancher Mann würden so manchen Fehler nicht machen. Nicht auf so manchen Typen reinfallen, weil er eine tolle Verpackung hatte, sie aber erst viel zu spät merken, dass der Inhalt nicht schmeckt.

Aber wir können es nicht ändern. Wir können die Welt nur ein kleines bisschen besser machen. Ich meide so gut wie möglich die Menschen, die mich runterziehen. Die, die mir immer nur sagen, was an mir nicht gut ist. Nicht gut genug.

Ich umgebe mich mit Menschen, die mir in gutes Gefühl geben. Die mir hin und wieder sagen, was sie an mir mögen. Durch sie habe ich aus der Dunkelheit hinausgefunden. Durch sie habe ich gelernt, dass ich ganz viele tolle Eigenschaften habe. Es ist zwar immer besser, wenn man so gut aufgestellt ist, dass man sich dieses Gefühl, diese Bestätigung selbst geben kann. Aber gerade, wenn es einem mal nicht gut geht, hilft es, wenn es einem andere Menschen sagen.

Wunderschöne Dinge, die Menschen zu mir gesagt haben:

  • ich habe tolle Augen
  • ich habe schöne Hände
  • ich habe tolle Lippen
  • ich bin kreativ
  • ich bin ein interessanter Mann
  • ich habe eine tolle Ausstrahlung
  • ich bin sexy
  • ich bin ein toller Papa
  • ich bin intelligent
  • ich hab ein wunderschönes Herz
  • ich bin abwechslungsreich
  • ich denke nach
  • ich bin ein Genießer
  • ich habe tolle, breite Schultern
  • ich habe einen schönen Schwanz

Gut, dass zu glauben, vor allem das mit dem ›sexy‹ fällt mir manchmal schwer und ich denke: Kauf dir mal eine neue Brille!. Manchmal ist es halt gar nicht so einfach, ein Kompliment einfach anzunehmen. Dann kommen unsere alten Denkmuster wieder durch. Jemandem zu glauben, dass wir dick sind, ist halt einfacher. Das wurde uns eben oft genug eingeredet. Oft genug wiederholt. Dadurch haben wir es geglaubt. Jetzt jemandem zu glauben, dass er uns sexy findet… Puh, gar nicht so einfach. Zumindest nicht an Tagen, wo wir mit uns selbst eben nicht zufrieden sind. Ich persönlich, ich arbeite daran.

Das waren übrigens nur die Dinge, die mir spontan eingefallen sind, die mir tolle Menschen gesagt haben. Komischerweise waren es nicht meine Freunde. Nicht meine Familie. Nicht meine Kollegen. Es waren Leute, die ich bis auf wenige Ausnahmen gar nicht kenne. Zumindest nicht persönlich. Es waren Leute, die wie ihr meinen Blog lest. Leute, die ich von Twitter kenne. Die machen es komischerweise richtig. Sie geben mir ein gutes Gefühl.

Ich habe gelernt: Ich habe 15 tolle Eigenschaften. 15 Dinge, die an mir schön sind. 15 Dinge, die anderen Menschen gefallen. Es gibt nur 1 Sache, die mir nicht gefällt. Mit der ich nicht zufrieden sind. Für die mich oberflächliche Menschen kritisieren. Ich bin dick!

Eigentlich kann ich glücklich sein. Auf einer Skala von 1 bis 16 bin ich eine 15. Somit bin ich quasi auf einer Skala von 1 bis 10 eine 9,375. Runden wir ab auf eine 9. Ich bin auf einer Skala von 1 bis 10 eine glatte 9.

Ich bin ein Traummann!

Und ich mache jetzt eines, ich lese mir die 15 tollen Eigenschaften so lange durch. Jeden Morgen. Jeden Abend. Bis ich daran glaube. Bis ich mit mir im Reinen bin. Bis ich lächelnd in einen Raum gehe und mir diese Menschen, die mich schlechtreden wollen, nichts mehr können.

Außerdem mache ich noch was: Ich sage den Menschen nicht mehr, was mir an ihnen nicht gefällt. Jedenfalls nicht, wenn es nicht sein muss. Ich sage ihnen nur noch, was ich an ihnen toll find. Und ich glaube, wenn das jeder so machen würde, dann würden wir in einem viel glücklicheren und toleranteren Land leben und wer weiß, vielleicht steckt wir irgendwann die ganze Welt damit an. Wäre das nicht wunderbar?

Wenn wir die Welt verändern wollen, dann müssen wir bei uns anfangen.

Ich hoffe, ich habe euch mit meinen Worten nicht gelangweilt. Zwar vermute ich, dass die oberflächlichen Menschen, die diesen Beitrag lesen sollte, ihn wahrscheinlich nicht gelesen haben. Sie sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, aber wenn dieser Beitrag nur einem Menschen hilft, dann hat er sich schon gelohnt und ich bin froh, dass ich ihn geschrieben habe.

Seid stark, lasst euch nicht unterkriegen. Und wenn du am Boden liegst, steh wieder auf. Einmal noch. Steh wieder auf!

Liebe Grüße, euer

Ben

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16 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Mir hast du sehr geholfen und mir aus der Seele gesprochen. Wenn ich ehrlich bin hab ich auch das ein und andere Tränchen verdrückt
Das sollten alle lesen damit ihnen die Augen geöffnet werden, ich werd auch versuchen etwas zu ändern, auch wenn ich weiß das es mir nicht leicht fallen wird. Aber ich werd auch nicht mehr sagen was mir nicht gefällt. Meistens ist der Mund leider schneller.

Also mich hast du mit deinen Worten nicht gelangweilt. Ich fand es sogar mutig das du so offen und ehrlich bist.
Ich find du bist ein ganz toller, lass dir bitte nix anderes erzählen

Glg

Antworten

    Dann hat sich das Schreiben schon gelohnt, wenn es einer geschundenen Seele hilft oder geholfen hat. Zum Glück habe ich in vielen Dingen ein sehr gutes Selbstbewusstsein und weiß mittlerweile auch, was ich wirklich Wert bin. Jedoch hat jeder mal einen schlechten Tag und dann sind wir – gerade an solchen Tagen – leichter angreifbar… verletzbar.

    Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, um einen Kommentar zu hinterlassen!

    Liebe Grüße und einen schönen Abend,
    Ben

    Antworten

      Na ich hinterlasse immer gerne einen Kommentar. Zähle mich zu deinen Fan- Girls, da ist da dich schließlich Pflicht.

      Aber ja, gerade an miesen Tagen, sind wir sehr empfänglich für so einen Mist und haben dann doofe Gedanken im Kopf.

      Ich wünsche dir auch einen schönen Abend

      B

      Antworten

Bravo, Ben – einfach nur Chapeau!
Liebe Grüße von einer, die ganz genau weiß, wovon Du redest…

Antworten

    Vielen Dank! Ich habe den Beitrag echt mit Herzblut geschrieben. Meine ganzen Gefühle reingepackt. Dinge, die ich ansonsten eher für mich behalte, weil sie mich verletzlich machen. Und ich freue mich zu sehen, dass es sich gelohnt hat, auch mal etwas zu riskieren. Danke, dass du dich auch getraut hast, einen Kommentar zu hinterlassen. Leider trauen sich das nicht viele. Oder sie wollen sich dafür keine Zeit nehmen. Ich freue mich!

    Liebe Grüße,
    Ben

    Antworten

Du bist ein so toller Mensch und ich habe dich tief in mein Herz geschlossen!
Du hast in dein Auflistung deine schöne Stimme vergessen und du bist liebenswert!

Ich hätte deinen Text fast 1:1 für mich übernehmen können. Das einzige was ich nicht gemacht habe war, kotzen, von dem her hatte ich nie nen „Index Traumkörper“ aber damit habe ich mich mittlerweile abgefunden: ich bin wie ich bin und die einen lieben mich, die anderen können mich. E basta!

Antworten

    Nochmal Dankeschön!

    Und, deine Einstellung ist richtig. Alle, die uns nicht so mögen wie wir sind, sollten wir aus unserer Freundesliste streichen. Dabei glaube ich sogar, dass die meisten uns nicht einmal Schaden wollen. Manche meinen es sogar gut. Sie bewirken nur mit ihren gut gemeinten Ratschlägen und Feststellungen oft das Gegenteil. Sie helfen einem nicht, sondern machen es in echt noch viel schlimmer. Verstärken das Gefühl, dass wir nicht gut genug sind, weil eine bekloppte Sache an uns nicht perfekt ist.

    Ich wünsche mir, dass mein Beitrag zwei Dinge bewirkt:
    1. Das Menschen, die sich immer wieder “nicht gut genug” fühlen, diesen Gedanken mal beiseiteschieben und sich auf die Dinge konzentrieren, die toll an ihnen sind. Sie sollten sich mal eine Liste machen und aufschreiben, welche guten Eigenschaften sie haben. Diese Liste dann am besten an den Badezimmerspiegel kleben und sie so oft beim Waschen, Zähneputzen oder schminken lesen, bis sich die positiven Dinge im Hirn einbrennen. Wir glauben alles, was oft genug wiederholt wird.
    2. Das Menschen, die immer wieder meinen jemanden damit zu helfen, ihnen zu sagen, was an ihnen nicht gut ist ihre Denkweise ändern. Sie müssen lernen, dass es nicht hilft, die Schwächen aufzuzählen, sondern die Menschen zu bestärken, in dem man ihnen sagt, was man an ihnen toll findet.

    Wenn nur ein einziger Mensch das durch meinen Text versteht, dann hat es sich schon gelohnt, dass ich zwei Stunden meiner Zeit geopfert habe, um meine Gedanken auf Papier zu bringen. Oder in meinem Fall wohl eher, in meinen Blog. Mein Lusttagebuch. Auch, wenn es mich eigentlich stört, weil dieser Beitrag nicht viel mit Lust zu tun hat und ich so das Gefühl habe, ich stelle hier etwas ein, was hier eigentlich nicht hingehört.

    Antworten

Lieber Ben,

Du bist so ein toller, liebenswerter Mensch!!!!
Und du hast bestimmt nicht nur 15 Qualitäten auf die man dich „reduzieren“ kann.
Du hast ein gutes Herz, hast ne sehr angenehme Stimme, hast nen Klasse Humor, bist witzig, bist ein Beschützer und ein bester Freund, du hast ein Gespür für kinsternde Erotik, du bist ein Mensch zum Pferde stehlen, …
ich hab dich mit all dein n guten Seiten ganz tief in mein Herz geschlossen. Ich habe das Gefühl dich mein ganzes Leben lang zu kennen und ich bin mir sicher, wenn wir uns begegnen würden hätten wir am Abend schmerzende backen, weil wir uns halb totlachen würden.

Ich bin auch dick! Und ich kenne diese Sprüche und Blicke.
Manchmal tun sie noch weh, doch meistens grinse ich frech und schieb mir dabei genüsslich was in den Mund. Immerhin muss ich doch darauf achten das mir meine erotische Nutzfläche nicht flöten geht!

Antworten

    Oh, Dankeschön! *verlegen schaut

    Ja, wir kennen uns nun wirklich schon lange und ich habe viel bei dir miterlebt. Ich glaube auch, wir würden viel lachen und wären bestimmt richtig gute Freunde, wenn wir uns persönlich kennen würden.

    Ich wünsche dir einen schönen und angenehmen Tag. Lass dich nicht ärgern!

    Ben

    Antworten

Lieber Mr. Wilder, ein sehr offener Beitrag der viele Gefühle offenbart. Gefühle die fast alle von uns kennen. Ob es nur die Figur oder ein anderer “Makel” ist, über den die Mitmenschen ein Urteil fällen – es tut weh. Vor allem wenn es hinter deinem Rücken passiert. Ich bin auch der Meinung, man sollte dem Gegenüber sagen, was an ihm toll ist, oder was man persönlich toll an ihm findet. Schön, dass du so mutig warst, das alles aufzuschreiben – für uns alle. Ich danke dir dafür.
LG Bones

Antworten

Du erzählst in weiten Teilen Deines Textes von dem was man neudeutsch “Mobbing” nennt. Also davon wie Personen andere Menschen verbal erniedrigen und das auch noch so, dass es dem Betroffenen nicht möglich ist sich zu wehren.
In einigen Passagen habe ich das Gefühl Du erzählst von suchtähnlichem Verhalten, welches immer wieder dazu geführt hat, dass Du so zugenommen hast. Sucht hat immer etwas mit Selbstbetrug zu tun. Ich weiß von was ich rede, ich habe jahrelang um 70 Zigaretten am Tag geraucht und jedem erzählt ich hätte das im Griff.
Erst als Freunde mir die Unterstützung entzogen und mir klar gemacht haben, dass sie meinen selbstverursachten Niedergang nicht mehr ertragen, konnte ich etwas ändern und mit dem Rauchen aufhören. Meine Sucht, das weiß ich, kann aber jederzeit wieder ausbrechen.
Zurück zu Dir. Ich halte es für wichtig, dass Freunde offen mit Dir über Deine Leibesfülle reden, vor allem die die wissen, dass Du leidest. Vielleicht hilft es Dir Freunde, denen Du vertraust direkt anzusprechen und ihnen erzählst was Deine Leibesfülle in Dir auslöst. Ein wichtiges Signal und klares “Stop”-Zeichen war sicherlich, dass Du Deinem Freund den Spiegel vorgehalten hast, als er so gedankenlos von der widerlichen Schwabliggen gesprochen hat.
Wenn Du unter Deinem Zustand leidest, dann such Dir Menschen die Dir helfen etwas daran zu ändern! Versteck Dich nicht hinter anderen tollen Eigenschaften. Wenn Du Dir sicher bist, dass Du an Deiner Leibesfülle nichts mehr ändern willst, geh damit offensiv um. Zeig Dich, zeig vor allem, dass Du wohl fühlst so wie Du bist
Das ist vielleicht der einzige Weg, mit dem man sich gegen Mobbing wehren kann.

Antworten

Lieber Ben,

ich lese deinen Blog noch nicht sehr lang. Nun bin ich in dieser schlaflosen Nacht (Puh… es ist so verdammt warm) auf diesen Text von dir gestoßen.
Ich habe geweint…. teilweise, weil ich es selbst kenne, dann wiederum, weil es mich einfach so berührt hat.
Für mich gibt es keine “äusserlich” hässlichen Menschen, sondern nur Menschen mit einem hässlichen Charakter.
Ich bin mittlerweile so, dass es mich nicht mehr interessiert, was andere von mir denken. Ich bin dick, ja! Heißt aber nicht, dass ich mich verstecken muss.
Ich trage was mir gefällt, zeige was ich habe, auch wenn es an manchen Stellen zu viel ist. Es gehört zu mir! Alles hadern mit mir selbst hat nur zu mehr Kilos geführt, aus Frust!
Meine Entschluss, den ich vor Jahren gefällt habe war, mich damit abzufinden und das beste aus mir zu machen.
Ich bin mit sicher, das war die beste Entscheidung!

Zweifelsfrei, hast du mit Sicherheit weit mehr als 15 schöne Dinge oder Eigenschaften an dir!

Ich würde mir wünschen, das jeder Mensch zu dem Entschluss kommt und nicht über andere Menschen urteilt, egal welche Makel sie haben oder nicht.
Und bei allen, denen kein Licht aufgeht, wünsche ich mir, dass das Karma einmal etwas tut.

Ganz liebe Grüße
Ines

Antworten

    Hallo Ines,

    ich danke dir für diesen wundervollen Kommentar und ja, du hast absolut recht mit jeder Silbe und jedem Wort!

    Hoffe, dir gefällt mein Blog auch weiterhin und vielleicht hast du dich ja auch mal in die Geschichten gelesen… und vielleicht kann ich ja schon bald den nächsten Kommentar von dir lesen. Ich würde mich sehr darüber freuen, dich wieder auf meinen Blog zu sehen…

    Entschuldige, dass ich mich erst heute melde. War im Urlaub und dort nicht online…

    Liebe Grüße,
    Ben

    Antworten

Lieber Ben,

Ein sehr offener und ehrlicher Beitrag und ich musste bei einigen Teilen mental nicken und dir zustimmen.Zum Einen weil ich selbst mit blöden Kommentaren manches Mal genervt wurde/werde-nicht aufgrund der Körperfülle sondern der Hautfarbe-und manches Mal,weil ich mir dachte:“Wie verhalte ich mich eigentlich?Gebe ich auch einfach ungefragt meinen Senf ab und verletzte damit Menschen in meiner Umgebung?“. Du hast mich mit deinem Beitrag zim Nachdenken angeregt und ich danke dir dafür…

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