Ben Wilder, Lusttagebuch, Beziehung, Beziehung, Outsourcing, Offene Beziehung

Outsourcing

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Tom steckte den Schlüssel ins Schloss und während er ihn langsam umdrehte, lockerte er bereits seine Krawatte. Er war müde. Kaputt. Zu früh war er aufgestanden. Zu viele Stunden im Büro. Fix und fertig war er. Mit letzter Kraft schlurfte er in die Wohnung. Er hatte nicht einmal Lust den Arm anzuheben und seine Krawatte über die Garderobe zu hängen, tat es aber trotzdem. Dann nahm er den Kleiderbügel und hängte sein Jackett darüber. Nun, nachdem er auch das geschafft hatte, schleppte er sich in die Küche.

„Was gibt’s zu essen Schatz?“, fragte er und sprach so, dass Frieda allein am Klang seiner Stimme hörte, wie erledigt er war.

„Ein Steak mit frischen Bohnen im Speckmantel.“

„Super, ich verhungere.“

„Ist gleich fertig“, antwortete Frieda.

„Du Tom, was machen wir eigentlich am Wochenende?“, erkundigte sich Frieda. Tom hasste diese Frage. Er wusste, dass sie kommen würde. Sie kam jede Woche. Die Frage war längst nicht mehr, ob sie kam, nur noch wann sie kam. Mittwoch. Donnerstag. Oder erst am Freitag.

„Warum hast du dir zur Abwechslung nicht mal etwas überlegt?“, spielte er den Ball vorwurfsvoll zurück. „Ich bin die ganze Woche über am Arbeiten und du bist den ganzen Tag zuhause. Warum nutzt du nicht mal die Zeit und guckst im Internet, was am Wochenende so in der Umgebung los ist? Warum muss ich mich damit auch noch auseinandersetzen? Bin ich dein persönlicher Animateur?“

Frieda schluckte und am liebsten hätte sie auf der Stelle angefangen zu heulen. Sie riss sich jedoch zusammen. „Ich weiß Tom. Ich bin, was das angeht nicht so einfallsreich wie du. Und wenn ich dann sage, wir können ja mal nach Bielefeld zum Shoppen fahren, dann ist es dir auch nicht recht.“

Tom rollte mit den Augen. „Du willst schon wieder shoppen? Fällt dir nie etwas anderes ein als shoppen?“

„Ja, ich brauche aber neue Schuhe. Eine Jeans brauche ich auch. Guck mal, ich habe abgenommen. Die alten flattern jetzt am Po.“ Frieda wackelte erfreut mit dem Hintern.

„Aber du weißt doch, dass ich das nicht gut kann!“

„Shoppen?“, fragte Frieda.

„Ja!“ Toms Mimik sprach Bände. Er versuchte gar nicht erst zu verstecken, dass er keine Lust auf  shoppen hatte. „Weißt du, es ist doch immer das gleiche. Du hältst mir eine Jeans vor und fragst mich, wie sie mir gefällt. Ich schaue dich spätestens nach der dritten genervt an und sage, dass ich es mir so nicht vorstellen kann, ich muss sie angezogen sehen. Ich bin eben ein Mann. Ich muss es sehen. Kann es mir nicht vorstellen. Du hast keine Lust darauf sie anzuziehen. Lange rede, kurzer Sinn: Irgendwann beschwerst du dich wieder, dass shoppen mit mir einfach keinen Spaß macht. Dann reagiere ich gereizt und haue dir um die Ohren, dass du das auch vorher hättest wissen können und ich frage dich, warum du nicht stattdessen lieber mit einer Freundin shoppen gefahren bist. Wir beide sind beleidigt. Schweigen uns an und der Tag ist gelaufen.“

Frieda sah Tom nachdenklich an.

„Warum fragst du nicht lieber gleich eine Freundin. Frag doch Rabea. Mit der biste doch gerade ziemlich dicke. Ich bleibe dann zuhause. Kriege mal etwas Ruhe. Chille auf der Couch und zocke Playsi.“

„Ja, du willst immer nur zuhause bleiben und ich will raus“, antwortete Frieda. „Weißt du, ich sitze die ganze Woche über zuhause. Mir fällt die Decke auf den Kopf!“

„Ja, und ich bin die ganze Woche im Büro. Komme erst spät abends heim. Falle dann müde auf die Couch oder gehe direkt nach dem Essen ins Bett. Und wenn ich dann am Wochenende mal ausspannen könnte, erwartest du, dass wir die ganze Zeit auf Achse sind.“

Nun schwiegen sich beide an. Die Situation war ganz schön festgefahren. In den letzten Wochen hatte das gleiche Gespräch locker drei, vier oder gar fünf Mal beinahe mit dem gleichen Wortlaut stattgefunden. Und das war nicht die einzige Situation, die festgefahren war. Eigentlich hatte Frieda sich heute echt schick gemacht. Wäre Tom nicht so erledigt und durch das Gespräch so genervt gewesen, wäre es ihm vielleicht sogar aufgefallen. Frieda war nämlich heute schon beim Friseur gewesen. Die Nägel hatte sie sich auch schick machen lassen. Außerdem stand sie nicht mit ihrer typischen Jogginghose – die sie zuhause am liebsten trug – in der Küche, sondern sie hatte sich eine hübsche Bluse angezogen und eine Jeans, die ihren Po – obwohl auch diese schon recht locker saß – noch relativ gut zur Geltung brachte. Die Bluse war aber nicht das Besondere. Unter der Bluse hatte sie nämlich für einen wirklich hübschen Büstenhalter entschieden und das passende Höschen dazu angezogen. Und heute Morgen stand sie ziemlich lange für ihn unter der Dusche. Sie hatte sich nicht nur die Beine rasiert, sondern auch unter den Achseln und auch die Bikinizone war glatt wie ein Babypopo. Eigentlich wollte sie ihn heute Abend verführen. Dieser Plan war jedoch nach der blöden Diskussion in weite Ferne gerückt. Ihr war die Lust vergangen. Im Gegenteil, sie fragte sich, warum sie sich diese Mühe überhaupt gemacht hatte. Die beiden waren jetzt im fünften Jahr. Der Sex war – nicht das er wirklich schlecht war, so war es nämlich nicht – immer der gleiche. Sie waren ein eingespieltes Team. Jeder Handgriff saß. Beide wussten, wie sie den anderen einen schnellen Höhepunkt verschaffen konnten. Wahrscheinlich war das schon viel mehr, als das, was andere festeingefahrene Paare sich zu bieten hatten.

„Du meinst also ich soll mit Rabea shoppen fahren?“

„Ja!“, antwortete Tom. „Ihr geht doch gerne zusammen shoppen, oder?“

„Sicher!“ Dann holte sie tief Luft. „Und danach. Wollen wir dann vielleicht ins Kino?“

„Meinst du dich und mich oder Rabea und dich?“, erkundigte sich Tom sicherheitshalber, auch wenn er die Antwort bereits kannte.

„Dich und mich natürlich. Da ich unter der Woche schon so wenig von dir habe, will ich wenigstens am Wochenende Zeit mit dir verbringen.“

„Was läuft denn?“, fragte Tom.

Frieda zückte ihr Handy und googelte das aktuelle Kinoprogramm. „Was hältst du von Fifty Shades of Grey? Der zweite Teil läuft gerade.“

„Echt jetzt?“, raunte Tom. „Dieser Schmuddelfilm mit Kratz mich, beiß mich, gib mir Tiernamen?“

„Genau der!“, zischte Frieda

„Da kannste doch mit Katja reingehen. Von der hast du dir doch damals auch die Bücher geliehen gehabt.“

„Und, was willst du machen?“, bohrte Frieda nach. Irgendwie beschlich sie das Gefühl, dass er längst wusste, was er vorhatte. Er hatte sie nur noch nicht in seine Pläne eingeweiht.

„Samstagabend ist Treffen vom Fußballverein. Vereinssitzung. Wollte ich ja eigentlich nicht hingehen. Aber, wenn du gerne diesen“, er gab sich große Mühe, das es besonders abfällig klang, „Sadomaso-Streifen sehen willst, dann ist das in Ordnung. Dann gehe ich eben zur Vereinssitzung.“

„Okay, wie lange geht denn die Vereinssitzung?“ Vereinsatzung druckte sie nun sprachlich in dicken, fetten Buchstaben.

„Weiß nicht. Denke mal bis 1 Uhr oder so.“

„Okay, wir könnten ja nach dem Kino aber noch in eine Disko fahren. Ich würde gerne mal wieder tanzen gehen! Ich hole dich auch von eurer Vereinssitzung ab. Außerdem hast du dann schon den passenden Pegel, dass du auch in Tanzlaune bist. Was meinst du?“, wagte sie einen letzten Versuch.

„Tanzen?“ Begeisterung klang anders. „Warum fragst du nicht Sonja? Sonja und ihren schwulen besten Freund.“ Tom suchte nach dem Namen.

„Meinst du Enrico?“

„Ja, genau. Enrico und sein Sebastian. Die beiden gehen doch gerne tanzen. Weißt doch, dass ich zwei linke Füße habe. Außerdem stehe ich meist – du beklagst dich doch immer – eh nur an der Bar herum und trinke Alkohol. Ich bin eben nicht so der Tänzer…“

Woosaaa!, dachte sich Frieda und versuchte cool zu bleiben. „Ich fasse noch einmal zusammen: Ich soll morgens mit Rabea shoppen. Anschließend Abends mit Katja ins Kino und danach tanzen mit Sonja, Enrico und Sebastian? Stört dich das denn gar nicht, dass ich das ganze Wochenende mit Menschen Zeit verbringe, nur mit meinem Partner nicht?“

Tom überlegte, „Nein, wieso? Es gibt eben Dinge, die wir lieber mit anderen machen. Wir haben eben unterschiedliche Menschen in unserem Leben. Sondieren wir da denn nicht auch? Ich zocke doch auch gern mit Frank, weil der eben auch gerne zockt. Wenn ich einen Horrorfilm gucken möchte – und wir beide wissen, du hasst Horrorfilme – dann schaue ich die mit Gideon, weil Gideon genauso gerne blutrünstige Filme schaut wie ich. Und ins Fitnessstudio gehe ich am liebsten mit Jason.“

„Weil Jason genauso eine Sportskanone ist wie du…“, vollendete Frieda den gelangweilt von seinem Vortrag seinen Satz.

„Richtig!“

„Und das findest du in Ordnung?“, wollte Frieda von ihm wissen.

„Inwiefern?“ Er verstand nicht so recht, was sie daran störte.

„Du findest also, wir sollten spezielle Dinge am liebsten mit den Menschen machen, die dieses spezielle Interesse teilen und den Partner lieber damit verschonen, wenn wir wissen, er tut sie nicht so gerne?“, formulierte Frieda ihre Frage um.

„Ja, warum denn nicht?“

„Und du machst dir keine Sorgen, dass uns das entzweit, wenn wir Dinge nur noch mit anderen machen?“

„Nein, warum? Ich liebe dich doch und du liebst mich, oder?“

„Ja, ich liebe dich!“ Friedas Augen blitzten funkelnd auf. „Bei allem?“

„Warum nicht?“ Tom grinste wie ein Honigkuchenpferd. Scheinbar hatte er die Lösung auf all seine Probleme gefunden. Gott, wie einfach die Welt doch sein konnte. Für alles, was er nicht gerne machte, gab es jemanden, der Spaß daran hatte. Und die Dinge, die er gerne mit ihr machte, die übernahm er einfach selbst. Am liebsten hätte Tom sich vor Stolz selbst auf die Schulter geklopft und sich gehuldigt.

„Gut Tom“, sagte Frieda. Dann muss ich dir da noch etwas sagen. „Ab nächste Woche führen wir eine offene Beziehung.“

„Super!“, sagte Tom, dann realisierte er, was sie gerade geantwortet hatte. „Bitte was?“, fragte er und Panik stand in seinem Gesicht.

„Ich habe dir schon oft gesagt, dass ich im Bett mal wieder etwas Neues ausprobieren will. Etwas in diese Richtung“, sie holte tief Luft und betonte die folgenden Silben ganz genau, „Sa-do-ma-so!!! Und Vorspiel… Vorspiel stehst du ja auch nicht mehr so drauf. Lecken. Beim lecken hast du mir gesagt, dass es nicht so dein Ding ist. Ich liebe es aber mit dem Mund verwöhnt zu werden. Ich denke, es gibt Männer, die mich gerne mit ihrem Mund verwöhnen und die bestimmt auch ihre Freude daran hätten, mich übers Knie zu legen und mir den Arsch zu versohlen, bis er feuerrot leuchtet und ich klitschnass fickbereit wäre.“

Tom Schluckte. „Aber… aber… aber…“, stammelte Tom er und brauchte drei Anläufe. „So war das nicht gemeint!“

„Ich finde die Idee gut. Und Schatz, mach dir keine Sorgen. Den normalen Sex, den habe ich ja weiterhin mit dir!“ Dann sah sie ihn neugierig an. „Was hast du denn für Wünsche, oder reicht dir dieses hin und wieder mal Reiterstellung oder ein paar Minuten Missionarsstellung wirklich? Kann ja sein, dass du damit zufrieden bist? Vielleicht gibt es ja auch etwas, das du erleben willst, was ich dir aber eventuell nicht geben kann oder geben möchte.“

Toms Mund stand immer noch sperrangelweit auf, aber er fing tatsächlich an darüber nachzudenken, was er gerne mal erleben würde.

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6 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Ach, MrBen, wahre Worte …
Dieses Mal zwar keine erotische Geschichte (auf die wir sicher alle schon gespannt gewartet haben 😉 ), aber eine, in gewisser Weise, amüsante Geschichte.
… denn genau so kann es kommen, wenn in einer Beziehung die offene und echte Kommunikation brach liegt oder verloren geht.

Aber Frieda spielt hier ihre Karten gekonnt und amüsant aus! Bravo! 😀
LG SweetyB

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    Ich freue mich, dass sie dir oder euch trotzdem gefallen hat, meine kleine Geschichte… Auch, wenn es diesmal keine erotische Geschichte im eigentlichen Sinne ist.

    Hab schon mit einem Shit-Storm gerechnet… 😉

    LG,
    Ben

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Also ich fand die Geschichte traurig.
Liebe ist für mich etwas, was man tun muss. Man sollte bereit sein in einer Beziehung Opfer zu bringen und sich selbst auch mal hinten anstellen können, sonst funktioniert da nichts. Also eigentlich ist die Geschichte wirklich gut gelungen

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    Ich nehme das “…eigentlich ist die Geschichte wirklich gut gelungen” als Kompliment. Vielen Dank!

    Ja, manche Geschichten sind traurig und ich finde es auch traurig, wenn eine Beziehung in den “Alltagstrott” rutscht und freue mich für jede Beziehung, in der beide offen mit dem Thema umgehen, die Ärmel hochkrempeln und einen Weg aus dem Alltagstrott hinaus finden. Zusammen.

    Vielen Dank für deinen Kommentar!

    Liebe Grüße,
    Ben

    Antworten

Genau das, war der Anfang vom Ende meiner Ehe …

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